Finanzielle Gewalt

Wenn Kontrolle zur Waffe wird

In Partnerschaften kann finanzielle Abhängigkeit entstehen. Wird sie bewusst herbeigeführt oder ausgenutzt, spricht man von finanzieller Gewalt. Sie bleibt häufig unsichtbar und zeigt sich unter anderem in der Kontrolle über Konten, dem Vorenthalten von Geld oder in erzwungenen finanziellen Verpflichtungen, etwa durch Bürgschaften.

 

In unserer Arbeit mit Geldbiografien® begleiten wir das Thema finanzielle Gewalt seit vielen Jahren in der Praxis. Wir zeigen auf, wie finanzielle Abhängigkeiten entstehen, sich verfestigen und missbraucht werden. Dabei geht es nicht nur um individuelle Abhängigkeiten, sondern um strukturelle Dynamiken finanzieller Macht in Paarbeziehungen. 

 

Seit 2016 führt Dr. Birgit Happel Fortbildungen zur Sensibilisierung von Fachkräften durch. 2022 begleitete sie mit der Gleichstellungsstelle, der Frauenberatungsstelle und dem Frauenhaus Oberhausen den Launch der Broschüre Freiheit beginnt, wo Kontrolle endet und war Referentin beim Fachtag Finanzielle Gewalt gegen Frauen der Frauenberatung Recklinghausen.

»Gewalt ist nicht nur körperliche oder seelische Übergriffigkeit, sondern auch die Ausübung von Macht und Kontrolle im finanziellen Bereich.«

Zitat/Foto: Gleichstellungsstelle, Frauenhaus, Frauenberatungsstelle, Komm. Integrationszentrum Oberhausen

 

Forschungsprojekt »Finanzielle Gewalt sichtbar machen – Wege zur finanziellen Selbstbestimmung und sozialen Nachhaltigkeit«

 

Gemeinsam mit dem iff Hamburg haben wir eine Forschungsförderung eingeworben und untersuchen im Auftrag der Targobank Stiftung die Dynamiken finanzieller Gewalt. Studien zeigen: In fast allen Fällen häuslicher Gewalt spielt auch finanzieller Missbrauch eine Rolle. Dennoch erkennen laut einer US-Studie 78 % der Befragten diese Form der Gewalt nicht. 

 

In diesem Projekt analysieren wir finanzielle Gewalt erstmals systematisch. Wir betrachten finanzielle Abhängigkeiten, alltägliche Praktiken und die Rolle von Geschlechterbeziehungen. Unser Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Macht und Kontrolle über Geld in Partnerschaften ausgeübt werden, und Wege zu entwickeln, wie Frauen ihre finanzielle Selbstbestimmung langfristig sichern können. Die Pressemitteilung finden Sie hier.

 

 

Grauzonen: Wenn Kontrolle nicht als Gewalt erkannt wird

 

Wo verlaufen die Grenzen? Finanzielle Gewalt ist eine stille, oft tabuisierte Form der Kontrolle. Sie entzieht Frauen ihre ökonomische Selbstbestimmung: durch den Ausschluss von Geld, Informationen und Entscheidungsbefugnissen sowie durch die Einschränkung ihrer wirtschaftlichen Teilhabe.

 

Nicht jede finanzielle Ungleichheit ist Gewalt. Finanzielle Gewalt beginnt dort, wo Abhängigkeit gezielt hergestellt, ausgenutzt oder zur Machtausübung eingesetzt wird. Beispiele aus unseren Veranstaltungen zeigen die Alltagspraxis:

 

  • Mein Partner lässt mich nicht in die Karten schauen.
  • Mein Mann möchte nicht, dass ich mehr als einen Minijob ausübe.
  • Ich wurde mit Gewaltandrohung zur Bürgschaft genötigt.
  • Er zahlt monatelang nicht auf das Gemeinschaftskonto ein.
  • Die Steuerunterlagen werden mir im Scheidungsverfahren vorenthalten.

 

Finanzielle Gewalt wirkt über Kontrolle, Abhängigkeit und den Entzug von Handlungsspielräumen. Häufig beginnt sie schleichend und bleibt lange unerkannt.

 

© Birgit Happel Geldbiografien®

 

Wenn Abhängigkeit zur Normalität wird

 

Viele Frauen treten nach der Familiengründung beruflich kürzer, übernehmen den Großteil der Carearbeit und vertrauen auf die Loyalität des Partners.

 

Der Rückzug aus dem Erwerbsleben kann Verlust an finanzieller Selbstbestimmung, Absicherung und Freiheit bedeuten. Die Übergänge sind fließend: von Demütigung und Informationsverweigerung über das Nichteinhalten finanzieller Absprachen bis hin zur Nötigung zu Bürgschaften unter Androhung oder Ausübung von Gewalt.

 

Finanzielle Gewalt entwickelt sich häufig schleichend. Dabei wird Geld gezielt eingesetzt, um die Autonomie der Partnerin einzuschränken.

 

 

Tabuisiertes Problem mit hoher Dunkelziffer

 

Über Geld wird noch immer ungern gesprochen. 41 Prozent der Ehepartner:innen wisssen nicht, was der oder die andere verdient. Finanzielle Gewalt ist daher häufig mit Scham, Schuldgefühlen und Sprachlosigkeit verbunden und bleibt im Dunkelfeld.

 

Bis heute ist finanzielle Gewalt in Deutschland kaum wissenschaftlich untersucht. Umso wichtiger ist es, sie sichtbar zu machen, klar zu benennen und strukturell einzuordnen. In einer gemeinsamen Stellungnahme anlässlich des internationalen Frauentags 2024 benannten das iff Hamburg und Geldbiografien® zentrale Forschungsdesiderate:

 

»Es ist wichtig, das Themenfeld finanzielle Gewalt empirisch aufzubereiten und zu enttabuisieren, um für die weitreichenden Folgen zu sensibilisieren, Gefahren finanzieller Abhängigkeit zu thematisieren und um präventive Unterstützungsstrukturen schaffen zu können. Hierzu zählt auch die weitere Stärkung der finanziellen Bildung von Frauen.« (Dr. Sally Peters & Dr. Birgit Happel)

 

Unterstützung und Anlaufstellen

 

Die Broschüre »Freiheit beginnt, wo Kontrolle endet«, bietet eine praxisnahe Unterstützung und hilft dabei, finanzielle Gewalt zu erkennen und einzuordnen. 

 

Hilfe und Beratung finden Frauen unter anderem bei:

 

Weiterhin haben die Fraueninitiative »Frauen helfen Frauen e.V.« Oberhausen und die Autorin Lea Martin Informationsseiten veröffentlicht.

 

Die Familienrechtsanwältin Asha Hedayati vertritt schwerpunktmäßig gewaltbetroffene Frauen in Trennungs-, Scheidungs- und Gewaltschutzverfahren und hat mit Die stille Gewalt ein empfehlenswertes Buch zur häuslichen und strukturellen Gewalt vorgelegt.

 

 

Gesellschaftlicher Kontext und Prävention

 

Alltagssexismus, überholte Rollenbilder und häusliche Gewalt sind eng miteinander verknüpft. Eine Studie von Plan International zu den Männlichkeitsbildern junger Männer zwischen 18 und 35 Jahren zeigt, dass jeder dritte Mann es akzeptabel findet, wenn ihm bei einem Streit mit der Partnerin gelegentlich die Hand ausrutscht. Patriarchalisch geprägte Gewalt und Machtmissbrauch sind damit weiter verbreitet, als häufig angenommen.

 

Das Aschaffenburger Frauenhearing hat zu diesen Themen eine Plakataktion gestaltet, die Lehrkräfte und Multiplikatorinnen in der Bildungs- und Beratungspraxis einsetzen, um frühzeitig auf geschlechtsspezifische Gewaltmuster und Machtmissbrauch aufmerksam zu machen.

 

 

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