Verwitwet alleinerziehend: Blogbeitrag von Inga Krauss

Du bist doch auch Alleinerziehend, oder?

 

ich bin Inga Krauss und mit nur 40 Jahren frühzeitig und trotz langer Krankheitsphase meines Mannes überraschend zur Witwe geworden.

 

 

In meiner Wahrnehmung lebe ich als Witwe mit Kindern unter vollkommen anderen Bedingungen als »klassische Alleinerziehende«, was es für mich und andere Betroffene schwer macht, sich »dazugehörig« zu fühlen. Die Witwe wird in der Regel als ältere Dame und durchaus als wohlhabend dargestellt, während der männliche Rentner an der Armutsgrenze nagt und trotz langer Erwerbsarbeitsphase Flaschen sammeln muss. Die junge Witwe gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung und in den Medien kaum und auch unter den Alleinerziehenden selbst ist die alleinerziehende Witwe selten zu finden. Verwitwete Alleinerziehende sind auch deswegen so unsichtbar, da beim Thema Verwitwung gleich zwei Tabu-Themen aufeinandertreffen: Tod und Finanzen.

 

Betroffene haben aufgrund der oft prekären Situationen meist schlicht keine Zeit, sich einzubringen oder zu engagieren. Das alles führt dazu, dass diese gesellschaftliche Gruppe in der allgemeinen Wahrnehmung untergeht. 

 

Hinweis: Trotz aller mir bewussten Vielfalt bei Alleinerziehenden spreche ich mit dem Begriff »klassische(r) Alleinerziehende(r)« der Einfachheit halber verallgemeinernd alle nicht verwitweten Alleinerziehenden an.

 

Sprache schafft Realitäten

 

Es gibt viel Literatur für Alleinerziehende, aber fast nirgends wird der Fall der Verwitwung behandelt. Alleinerziehenden Verbände wie der Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) bieten Kurse und Notruftelefone an, an deren Ende eine Anwältin für Familienrecht über Unterhalts- und Umgangsfragen berät.
Das trifft die Bedürfnisse von Verwitweten Alleinerziehenden überhaupt nicht, denn Betroffene benötigen keine Rechtsberatungen im Familienrecht, sondern Hilfestellungen im Erb- und Rentenrecht oder im Steuerrecht oder bei der Anrechnung von Einkommen. Der Umgang mit dem verstorbenen Elternteil ist selbstredend unmöglich, aber dafür türmen sich die Fragen rund um die Unterhaltsersatzleistung Hinterbliebenenrente. Auf der offiziellen Webseite des Bundesfamilienministeriums zum Unterhaltsvorschuss werden außerdem ausschließlich »Trennungskinder« benannt, aber Kinder deren Elternteil verstorben ist oder Wörter wie »Halbwaise« und »Halbwaisenrente« werden nicht erwähnt. 

 

Wie sollen verwitwete Alleinerziehende sich der Gruppe der Alleinerziehenden zugehörig fühlen? Oft habe ich sogar von Alleinerziehenden-Verbänden gehört, dass sie keine Unterschiede zwischen den Alleinerziehenden machen wollen. Wenn jedoch verwitwete Alleinerziehende mit ihren Bedürfnissen nicht explizit angesprochen werden und deren Sorgen und Nöte unberücksichtigt bleiben, bleiben sie unsichtbar und fühlen sich nicht als Alleinerziehende. Betroffene treten den Verbänden nicht bei, wenn ihre Bedürfnisse nicht angesprochen werden und ihre Bedarfe werden wiederum nicht adressiert, wenn die Themen nicht von Mitgliedern aufgeführt werden. Ein ungünstiger Kreislauf, der verwitwete Alleinerziehende ausschließt, denn Sprache schafft Realitäten.

 

 

Ich persönlich habe nach dem Tod meines Mannes etwa ein Jahr gebraucht, um das komplizierte Erbe abzuwickeln und die schlimmsten Existenzängste zu beruhigen, ich habe ein weiteres Jahr gebraucht, um die Regelungen der Einkommensanrechnung bei den Hinterbliebenenrenten zu verstehen und ein drittes Jahr, um zu verstehen, dass auch ich als Witwe »Alleinerziehend« bin. Es ist mir ein Herzensanliegen, Betroffene in dieser schwierigen Situation zu helfen, daher veröffentliche ich auf meiner Webseite regelmäßig Beiträge und Finanztipps zu den Hinterbliebenenrenten. Auch eine Berechnungshilfe zur Anrechnung von Einkommen ist dort zu finden. In meinem neu erschienenen Buch Wenn der Tod dazwischenkommt gibt es neben meiner eigenen, verheerenden Geschichte viele Tipps für die Lebens- und Familienplanung für Betroffene aber eben auch für noch nicht Verwitwete.


Zahlen zu verwitweten Alleinerziehenden

 

Sozialpolitik Aktuell berichtet, dass 21,3% aller familiären Lebensformen Alleinerziehende und insgesamt 2,61 Millionen Elternteile das Alleinerziehend-Sein betrifft. Nur 395.000 Mütter und 92.000 Väter sind verwitwet, das sind etwa 15,1% bzw. 3,5% der alleinerziehenden Elternteile insgesamt (Quelle: sozialpolitik-aktuell.de). Damit ist jede(r) fünfte Alleinerziehende verwitwet – warum gibt es diese Gesellschaftsgruppe medial nicht? 

 

Aus meiner Sicht sind die Regelungen bei den Hinterbliebenenrenten der systembedingte Weg in die Altersarmut für junge Betroffene, deswegen habe ich zusammen mit unseren Mitstreiterinnen bereits etwa 25 Petitionen auf den Weg gebracht. Insgesamt möchte ich mit meiner Arbeit für mehr Sichtbarkeit und Unterstützung für verwitwete (Alleinerziehende) erzielen, denn wir sind viele. Und wir leben anders. 


Fazit: Das Thema Verwitwung braucht mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit

 

Für die Betroffenen muss die Hinzuverdienstgrenze drastisch ansteigen, damit Mehr-Arbeit wieder wirtschaftlich ist und Rentenpunkte für die eigene Altersrente gesammelt werden können. Es müssen soziale Hilfsangebote geschaffen werden und Beratungsstellen, die Verwitwete umfassend hinsichtlich Rente, Versteuerung der Rente, Anrechnung des Einkommens und so weiter beraten können (Anmerkung: die Deutsche Rentenversicherung kann das nicht, sie teilt z.B. regelmäßig Betroffenen mit, dass die Erziehungsrente als Witwe nicht möglich sei. Das ist falsch). Eine erste Anlaufstelle kann meine Webseite sein, aber auch die Alleinerziehenden-Verbände sind stärker gefordert. Auf meiner Webseite gibt es unter anderem eine Excel-Datei, um die Anrechnung und Kürzung der Hinterbliebenenrente jährlich zu erfassen.

 

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Wenn Du betroffen bist oder Dich informieren möchtest, schaue Dich gerne auf Ingas Webseite um. Du findest sie auch bei Facebook und Instagram.  

 

Außerdem möchten wir Dir beide den Notfallordner von Trauerredner Dirk R. Schuchardt ans Herz legen. Hinein gehören etwa Mietvertrag, Bankkonten, Vollmachten, Wertpapierdepots oder Versicherungspolicen. Dirk ist Rentenexperte und hat wirklich an alles gedacht. Hier ist der direkte Link zum Padlet des Notfallordners mit vielen wichtigen Details und wertvollen Tipps.

 

 

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