Geld und Krise

Finanzkompetenz ist ein immens wichtiges Gut – nicht nur in Krisenzeiten

Alle Gesellschaften und Wirtschaftssysteme werden periodisch von Krisen heimgesucht. Die meisten haben Auswirkungen auf unsere Erwerbs- und Finanzbiografien.

 

Die Corona-Pandemie zeigte uns einmal mehr, wie verwundbar wir sind. Das Virus brachte Angst, Unsicherheit, existenzielle Nöte, Börsencrashs und Zukunftsfragen mit sich. Höchste Zeit, um über Rahmenbedingungen unseres Zusammenlebens und Wirtschaftssystems nachzudenken.

Stimmt das Sprichtwort aus Italien? Nur auf den ersten Blick scheint uns das Leben der anderen leichter, glamouröser, erfolgreicher. Wenn wir genauer hinschauen, sehen wir in jedem Leben Krisen, Höhen und Tiefen. Ebenso stimmt ihr mir sicher zu, wenn ich sage, dass alle Lebensmodelle Vor- und Nachteile mit sich bringen.

 

Dennoch trifft auch die Corona-Krise manche ungleich härter, während andere gut abgefedert sind. Gesellschaftliche Ungleichheit tritt nun wieder stärker hervor und wird weiter zementiert. Menschen aus sozioökonomisch benachteiligten Bevölkerungsgruppen haben jetzt noch weniger Gelegenheit, aufzuholen. Wer in Kurzarbeit ist oder im Niedriglohnsektor arbeitet, kann an die Grenzen der eigenen finanziellen Leistungsfähigkeit geraten. Familien in prekären Verhältnissen haben weniger Möglichkeiten und Strategien, um heil aus der Situation zu kommen. Hier geht es nicht in erster Linie um private Handlungsstrategien in Bezug auf den Umgang mit Geld, sondern um politische Lösungen und Unterstützungsangebote.

 

Zu lange hat die Politik im Krisenmanagement gebraucht, um die Belange von Familien auf den Schirm zu heben, insbesondere, um Einelternfamilien zusätzliche Unterstützung zukommen zu lassen. Homeoffice, Homeschooling, Homecare, HomeeverythingEltern vernetzen sich und machen ihrem berechtigten Ärger mit verschiedenen Initiativen und unter den Hashtags #CoronaEltern #CoronaElternrechnenab und #familieninderkrise Luft. Die Krise ist zugleich Brennglas wie Brandbeschleuniger. Die strukturelle Frage der unbezahlten Sorgearbeit ist nicht geklärt. Die Milliarden Stunden an unbezahlter Carearbeit, die weltweit vor allem von Frauen geleistet werden, erscheinen nicht im Bruttoinlandsprodukt und werden in der ökonomischen Theorie schlicht ausgeklammert. Und die bezahlte Carearbeit zählt zu den strukturell benachteiligten Berufen, auch wenn inzwischen einige Verbesserungen erkämpft und durchgesetzt wurden. Die Wurzel des Problems wurde dadurch aber längst nicht behoben, dass nämlich Arbeit am Menschen weniger gut bezahlt wird, als Arbeit an Maschinen.

Guter Umgang mit Geld nicht nur in Krisen essenziell

Bis die politischen Weichen neu gestellt sind, geht Zeit ins Land. Natürlich ist es immer auch enorm wichtig, unsere individuellen Handlungsmöglichkeiten genau auszuloten. Und die liegen nicht immer offen auf dem Tisch. Die Pandemie bringt nicht nur finanzielle Einschränkungen und Krisen mit sich, sondern triggert auch Verlustängste. Bei den einen mehr, bei anderen weniger, seien sie faktisch begründet oder auch nicht. Denn beim Geld gelten subjektive Wahrheiten. Das heißt vor allem, dass sich die individuelle Logik nicht mit der ökonomischen Rationalität deckt. Für Außenstehende ist das nicht immer leicht zu verstehen, gerade wenn man beim Geld ganz anders tickt, Stichwort Sparbrötchen und Lebemensch. Die Spanne der Geldstile reicht von sich nichts gönnen (können), bis hin zu sich nicht einschränken können bzw. wollen.

 

Wenn ihr auf lange Sicht finanziell abgesichert sein möchtet, kommt ihr nicht umhin:

  • eine Balance zwischen den Ausgaben und Einnahmen zu erreichen
  • eine finanzielle Reserve aufzubauen
  • euch Ziele zu setzen
  • Vorsorge zu betreiben

 

In Krisensituationen ist es wichtiger als sonst, genau hinzuschauen, wohin unser Geld fließt. Für viele ist es jetzt sogar existenziell, das eigene Budget etwas zu schonen und die Reserven zu strecken.

Wer an der Grenze seiner finanziellen Leistungsfähigkeit ist,

muss extrem vorausschauend mit Geld umgehen.

Oft ist das leichter gesagt als getan. Vor allem ist Angst kein guter Ratgeber, da sie in einen Tunnelblick führen kann und die Handlungsmöglichkeiten einschränkt: »Aus Angst getriebene Menschen bringen sich oft zusätzlich in Gefahr.« (Prof. Gerd Gigerenzer, emer. Direktor Max-Planck-Institut für Bildungsforschung)

 

Anfang des Jahres war ich bei Radio Bayern 1 zu Gast. Es ging um überzogene Konten, den Dispo, frühe Prägungen zum Geld und den Zahlungsschmerz. Studien haben einen pain of paying nachgewiesen, wenn wir mit Bargeld bezahlen. Im Gegensatz zur Kartenzahlung wird eine Gehirnregion aktiviert, in der das Schmerzzentrum sitzt! Das ist ein hilfreicher Mechanismus, um sich selbst zu überlisten: Wer etwas zu knauserig ist, kann die Karten zücken, wer seine Finanzen nicht so gut im Griff hat, verordnet sich Kartenverbot und sollte nur KLEINE Beträge dabei haben! ✔ Solange wir allerdings keinen Impfstoff haben, ist es weiterhin das Gebot der Stunde, die Menschen im Einzelhandel keinen zusätzlichen Gefahren auszusetzen, also weg mit dem Bargeld und sich bei Anflügen von Hamsterkäufen disziplinieren! Andererseits lauern jetzt beim Online Shopping vermehrt Gefahren für diejenigen, die ihr Budget auch sonst nicht so gut im Griff haben ❌ Es ist also gar nicht so einfach, gut und klug mit Geld umzugehen.

Foto: Pixabay

Hilfreich ist ein Ausflug in das Wesen der Geldpsychologie: Wie beim Eisbergmodell liegt ein großer Teil unseres Handelns in Bezug auf Geld und Finanzen im Verborgenen und muss erst ins Bewusstsein gehoben werden. Und selbst dann ändern sich jahrzehntelang eingeübte Denkmuster und Verhaltensweisen nicht über Nacht. Denn das Erlernen des Umgangs mit Geld ist ein Prozess. Wir lernen am Modell und durch eigene Erfahrungen und unsere Einstellungen und Werte sind geprägt vom Elternhaus, Vorbildern und Gegenbildern. Der Umgang mit Geld ist nicht allein rational zu erklären, sondern hat große sozioökonomische und psychologische Dimensionen. Wer die kennt und die eigene Geldbiografie versteht, ist wieder einen Schritt weiter.

 

Wenn ich beispielsweise nachhaltig denke und eingestellt bin, ist ressourcenschonendes Handeln für mich keine Bürde im Sinne von, oh nein, ich muss mich total einschränken und darf nichts genießen. Das Gegenteil ist der Fall: der bewusste Umgang mit Geld und Konsum führt mich zu innerer Freiheit und Erfüllung. Weil ich mich nicht so sehr von äußeren Dingen abhängig mache, oder mich über sie definiere. Und gleichzeitig meinen Geldbeutel schone. Wird die Ersparnis dann noch sinnstiftend und wertorientiert investiert, schließt sich ein weiterer Kreis hin zu Zukunftsantworten.

 

Und auch beim Investieren am Kapitalmarkt ist die Psychologie eine nicht zu unterschätzende Größe, sowohl was das Marktgeschehen an den Börsen als auch die eigenen Denkmuster und Verhaltensweisen anbelangt.

Die Nerven behalten und die Risikobereitschaft überprüfen

Börsencrashs kannten viele Anleger*innen, die in den letzten Jahren zum ersten Mal investiert haben, nur vom Hörensagen. Wie es sich tatsächlich anfühlt, wenn auf einmal nur noch rote Zahlen auf dem Depotauszug zu sehen sind, haben sie nun auch einmal selbst erlebt. Manche mussten sich vielleicht eingestehen, dass Sie ihre eigene Riskobereitschaft überschätzt haben. Auch unrealisierte Verluste können Neueinsteiger*innen den Schlaf rauben. Hierzu hat Prof. Hartmut Walz einen sehr lesenswerten Blogartikel geschrieben: Ruhe ist die erste Anlegerpflicht.

Ein kluger Umgang mit Geld ist die Grundlage für eine nachhaltige Lebensführung. Leider bleibt es zu häufig dem Zufall überlassen, ob wir im Elternhaus darauf vorbereitet wurden, die eigenen Finanzen gut aufzustellen und unsere existenziellen Grundlagen zu sichern. Wir lernen es auch allenfalls rudimentär in der Schule, da Deutschland sich seit Jahren weigert, an Pisa Finanzen der OECD teilzunehmen und die ökonomische und finanzielle Bildung stärker – und vor allem alltagspraktisch – in den Lehrplänen zu verankern.

 

Umso wichtiger bleibt es auch in Krisenzeiten, den Überblick zu behalten, Unterstützungsmöglichkeiten in Anspruch zu nehmen und sich selbst schlau zu machen. Hilfreiche Artikel zum Umgang mit Geld in Krisenzeiten findet ihr unter anderem bei der Diakonie Düsseldorf, beim Beratungsdienst Geld und Haushalt, bei Finanztip zum Thema Mietzahlungen und bei meiner Kollegin Dani Parthum, aka die Geldfrau zu Coronahilfen für Selbstständige und Freiberufler*innen.

 

Grundsätzlich möchte ich Euch bei sehr knappen Budgets – ob mit oder ohne Coronakrise – immer dazu ermutigen, offizielle Beratungsstellen aufzusuchen, zum Beispiel bei der Caritas, der Diakonie, dem Deutschen Rotem Kreuz oder der AWO. Auch die meisten Städte und Kommunen bieten kostenfreie Schuldnerberatung an. Aber seht euch vor, es gibt auch scharze Schafe am Markt und unseriöse Anbieter. Wie ihr die Spreu vom Weizen trennen könnt, erfahrt ihr hier bei Finanztip. Es ist wirklich keine Schande, sich eine (vorsorgliche) Beratung bei der Schuldnerberatung einzuholen. Aus Studien weiß man, dass die Leute diesen Schritt bis zu 72 Monate hinauszögern und es immer wieder alleine versuchen. Das muss wirklich nicht sein, oft reichen 1-2 Gespräche, um das Budget wieder in den Griff zu bekommen. Und wenn es nicht reicht, dann gibt es dort erst recht Unterstützung, wie aus der Situation herauszukommen ist.

 

#geldundkrise #geldpsychologie #finanzkompetenz #budgetplanung

Women's Finance

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Die Wirtschaftsjournalistin Dani Parthum und die Soziologin Dr. Birgit Happel kennen die Fallstricke der Erwerbs- und Finanzbiografien von Frauen und laden euch herzlich ein!

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