Finanzfitness für alle

Was Finanzbildung mit Politik zu tun hat

 

Manchmal beschleicht mich der Gedanke, es ist alles gesagt. Oder es setzt eine gewisse Ermüdung ein, weil die gesellschaftlichen Veränderungen so wahnsinnig langsam vorangehen. Nach zehn Jahren in der Finanziellen Bildung, wohlgemerkt der sozioökonomischen Bildung, ist das eigentlich nicht verwunderlich. Vorangegangen waren zehn Jahre in der Wertpapierberatung. Ob es klug war, die Seiten zu wechseln? Ich arbeite mit ganz verschiedenen Zielgruppen, etwa Wiedereinsteigerinnen, Frauennetzwerken, Multiplikator*innen oder weniger privilegierten Jugendlichen. Dabei wurde meine Arbeit von Jahr zu Jahr politischer.

Foto: unsplash

Die Redaktionsleiterin von Brigitte Be Green, Alexandra Zykunov, hat gerade in einem tollen Beitrag auf dem Blog von Was verdient die Frau darüber resümiert, warum viele Frauenfinanztips an so vielen Frauen total vorbeischießen. Sie hat die Zusammenhänge aufgefächert, die für Frauen zu einer existenziellen Frage werden können, wenn sie Verantwortung in Familien übernehmen. Das biografische Risiko Kind kennen wir schon aus dem achten Familienbericht der Bundesregierung (2012). Es wurde zur Ausgangsfrage meiner Studie zu Geld und Lebensgeschichte. Nun hat die Bertelsmann Stiftung erneut die Lücken im Lebenserwerbseinkommen von Frauen errechnet. Ich wollte dazu bloggen – doch reichte es, als die Studie im Juni herauskam, nur für kurze Posts auf Instagram und LinkedIn. Denn nach über zehn Jahren  Pflegeverantwortung haben wir einen neuen Pflegefall in der Familie. Wieder müssen wir uns Strukturen schaffen, um gut mit der Situation umzugehen, ohne in der Überforderung zu landen und die eigene Gesundheit zu ruinieren. Im Sommerurlaub konnte ich dann endlich etwas zur Motherhood Lifetime Penalty schreiben. Und zwar unter der Rubrik Vermögensbildung – denn es ist wichtig, alle Stellschrauben zu drehen, um Lücken in der Finanzbiografie auszugleichen.

 

Bitte immer schön anschlussfähig bleiben

 

Dieses Hinterherhinken kennen viele Frauen aus ihrem Erwerbsleben, wenn sie nach Familienpausen wieder versuchen, Anschluss im Beruf zu finden. "Ich brauche dringend eine Perspektive, beruflich. Und möchte wieder neu anfangen, nochmal ganz neu. Ich bin 43 (...), ja die Zeit rennt. (...) Irgendwann findet man den Absprung nicht mehr". Das bewegende Porträt einer alleinerziehenden Mutter, das Ninja LaGrande für ZDF WISO aufgezeichnet hat, verdeutlicht, wie schnell Frauen wirtschaftlich an den Rand gedrängt werden können. Der rote Faden der eigenen Biografie findet sich nicht immer gleich. Und entgegen allen Schönwetterreden und Hochglanzbroschüren der Unternehmen zum Trotz, sind es nach wie vor die glätteren Erwerbsbiografien, die in den Personalabteilungen gern gesehen werden. Deshalb habe ich mich sehr über den Beitrag von Alexandra Zykunov gefreut und stimme ihr zu 100 Prozent zu. Denn eins ist klar:

»Finanzbildung und Lebenslage müssen immer zusammengedacht werden,

damit ein Schuh daraus wird.«

Eine sehr wichtige Frage hat sie allerdings vergessen zu stellen. Nämlich, wer und was steht hinter den schicken neuen Initiativen zum finanziellen Empowerment von Frauen? Welche Zielgruppen werden angesprochen, gibt es eine hidden agenda? Auf der letztes Jahr stattgefundenen internationalen Konferenz des Instituts für Finanzdienstleistungen (iff) mit dem schönen Titel TransparenzRolle rückwärts oder Reform? bilanzierte Dr. Gerhard Schick, ehemaliger finanzpolitischer Sprecher der Grünen und Gründer und Vorstand der Bürgerbewegung Finanzwende, dass zehn Jahre nach der Finanzkrise 2008/2009 keine ethische Wende in Sicht sei. Hat sich der Blick auf die Kundinnen und Kunden geändert? Haben Banken den Vertrauensverlust wettgemacht? Wo liegt der Schlüssel für Veränderungen?

 

Das Thema Transparenz ist hier nach wie vor sehr wichtig. Leider fehlt gerade jene bei bestimmten Angeboten zur Finanziellen Bildung. Wer genau hinschaut, findet nicht selten schön verpackte, in einigen Fällen sogar verschleierte Vertriebsabsichten der Finanzdienstleistungsindustrie. Oder warum richten sich viele Angebote überwiegend an gut ausgebildete und finanzstarke Frauen? Weil mit den anderen kein Geld zu verdienen ist und sie sich nicht so gut vermarkten lassen. So ist die Kinder- und Jugendarmut seit Jahren ein ungelöstes strukturelles Problem in Deutschland und wächst jedes fünfte Kind in Armut auf, vor allem in Einelternfamilien, auch dies Zahlen der Bertelsmann Stiftung. Seminare für Alleinerziehende findet man in der schönen neuen Angebotswelt aber nur bei sehr wenigen Initiativen, vorwiegend bei gemeinnützigen Organisationen.

 

Gerade hat der Finanzrocker Daniel Korth den Finanzexperten Prof. Dr. Harmut Walz in seinen Podcast eingeladen. Der Verhaltensökonom Walz spricht Klartext, sein Urteil: Im Finanzdienstleistungsmarkt sucht man Transparenz und Fairness vergebens. Es lohnt sich, hineinzuhören! Man muss seine Meinung nicht teilen, sollte aber wissen, dass die Fähigkeit zur Unterscheidung verschiedener Geschäftsmodelle die beste Voraussetzung für eigenverantwortliche Entscheidungen am Finanzmarkt ist.

 

Deshalb muss Finanzielle Bildung immer auch zum kritischen Denken befähigen, zum Hinterfragen ermutigen und – ganz wichtig – in sozioökonomische Zusammenhänge eingebettet sein. Nicht zuletzt, um Frauen gleichermaßen für rückständige gesellschaftliche Strukturen wie für Funktionsweisen des Kapitalmarkts zu sensibilisieren.

 

Verantwortung ohne Rampenlicht

 

Finanzbildung für alle bedeutet, auch dorthin zu gehen, wo es manchmal unangenehm wird oder sogar weh tut. Wer mit arbeitslosen, alleinerziehenden Frauen arbeiten möchte, muss mit Tränen rechnen und umgehen können. Augenhöhe und Empathie wären auch nicht verkehrt. Wer Verantwortung für weniger Privilegierte übernimmt, wie wir es uns im Präventionsnetzwerk Finanzkompetenz zum Ziel gesetzt haben, steht damit nicht auf großen Bühnen und in hippen Locations.

 

Weil mit Fotos von vereisten Gefrierschränken, die auf Überforderung und finanzielle Not hinweisen, kein Blumentopf zu gewinnen ist, wie ein Beispiel der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz in einer Ausstellung zum Projekt Energiearmut verhindern zeigt:

Foto: Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz

Doch, es gibt sie, gemeinnützige Initiativen zum Wohle aller. Viele wirklich gute Projekte bleiben aber leider unsichtbar. Es liegt wie immer an den Ressourcen, der fehlenden Ausstattung etwa oder Zeitnot. Und, weil alle anderen lieber wegschauen als über unbequeme Themen zu sprechen. Weil es fordert, mit Gruppen zu arbeiten, die so schlechte Zukunftsperspektiven haben, dass es schmerzt. Über Geld zu sprechen ist eine gutgemeinte Forderung. Vor allem, wenn es wirklich um Ermächtigung geht und auch die dunkleren Seiten unseres Wirtschaftssystems erhellt und diskutiert werden. Deshalb bleibt es eine wichtige Debatte, über welches Geld und welche Wirtschaftsgrundlagen in Schulen und Bildungsinitiativen gesprochen werden soll. Viel zu selten werden nämlich existenzielle Sorgen bestimmter Gruppen, Ver- und Überschuldung oder Armut in den Mittelpunkt gerückt. Ganz zu schweigen von der im Bruttoinlandsprodukt ausgeklammerten Sorgearbeit.

 

Gerade deshalb bleibt Finanzielle Bildung wichtig. Nicht nur, um die Spreu vom Weizen trennen zu können, sondern auch um Zielgruppen zu erreichen, die nicht auf dem Radar und jenseits des Mainstreams sind. Spezielle Angebote für weniger Privilegierte, etwa Geringverdienende sind rar und fast ausschließlich im gemeinwohlorientierten und caritativen Bereich zu finden. Nicht selten fehlt es kleineren Initiativen an Geldern für Anschlussfinanzierungen, geschweige denn eine breite Öffentlichkeitsarbeit.

 

Selbst das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt CurVe des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung zur Professionalisierung der Finanziellen Grundbildung ist bislang nur einer kleineren Community aus den Schuldnerberatungen und der Bildungs- und Beratungspraxis bekannt. Wenn ihr für soziale Träger, Behörden oder Bildungseinrichtungen tätig seid, könnt ihr das Curriculum Finanzielle Grundbildung kostenfrei in eurer eigenen Arbeit einsetzen. Die Materialsets zum Geld der Frauen habe ich mit dem CurVe Team entwickelt, sie stehen ebenfalls frei zur Verfügung.

 

In diesem Projekt habe ich tolle Frauen kennengelernt, u.a. die geschäftsführende Direktorin des iff Hamburg, Dr. Sally Peters. Die gewonnen Erkenntnisse setzen wir inzwischen zusammen im Vorstand des Präventionsnetzwerks Finanzkompetenz um. Auch in diesem Jahr haben wir ein gemeinsames Panel auf der iff-Konferenz ausgerichtet. Thema: Die Zukunft der Präventionsarbeit – Wer übernimmt die Verantwortung für weniger Privilegierte?

Glaubt mir, es bleibt genug zu tun.

 

#verantwortungübernehmen #finanzbildungfüralle #finanzkompetenzstärken

Women's Finance

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Die Geldfrau Dani Parthum und ich kennen die Fallstricke der Erwerbs- und Finanzbiografien von Frauen und laden euch herzlich ein!

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